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Abenteuer Selbstliebe

  • Autorenbild: Franzi C
    Franzi C
  • 16. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Oft wird über Selbstliebe, Selbstakzeptanz und ähnliches geredet. Man soll sich selbst lieben, die eigene beste Freundin werden und seine Mitte finden. Denn wenn man sich selbst nicht liebt, kann einen auch niemand anderes lieben. Aber was bedeutet das alles und stimmt das überhaupt? Hier kommt ein Bericht einer Person, die seit Jahren versucht, sich selbst und andere zu lieben.


Bis vor ein paar Jahren dachte ich noch, ich mag und akzeptiere mich schon mein ganzes Leben. Was auch sonst? Wer hasst schon sich selbst? Das wäre doch absurd! Ich bin schließlich 24/7 an meiner Seite und bekomme alles mit. Das, was richtig läuft, meine Fehler, meine Stärken, meine Unsicherheiten, einfach alles. Ich kenne mich so gut, wie mich sonst niemand kennt. Logischerweise. Und jemanden, den man so gut kennt, muss man doch lieben, oder? Äh, nein.


Aber was ist Liebe überhaupt? Laut Wikipedia ist es ein starkes Gefühl inniger und tiefer Verbundenheit. Liebe ist, wenn man gerne etwas für jemanden tut oder Zeit mit der Person verbringt, fernab davon, ob es einem selbst nützt. Das heißt am Ende nichts anderes, als dass wir gerne mit einer Freundin etwas Essen gehen, obwohl es uns Zeit und Geld kostet und wir in der Zeit auch nichts produktives (Haushalt, arbeiten, Steuererklärung usw.) erledigen können. Wir machen das, weil wir die Person mögen und es uns gut tut mit ihr über unseren letzten One Night Stand zu lästern.


Übertragen auf mich selbst würde das bedeuten, ich fühle mich mit mir selbst verbunden und mache für mich selbst nicht nur die nötigen Aufgaben, wie essen, trinken, duschen, schlafen, sondern auch auch die Dinge, die einfach schön sind. Ich mache also auch mal Sport, gehe zum Friseur, mache einen Ausflug oder gönne mir den leckeren Cappuccino aus meinem Lieblingscafé. Dazu gehört aber auch, dass ich nicht nur irgendetwas esse, sondern etwas, das lecker und gesund ist, und ich mir vielleicht nicht nur irgendwelche Klamotten für mich kaufe, sondern welche, in denen ich mich hübsch finde und die in meiner Farbpalette sind.


Habe ich all das früher gemacht? Jein. Einiges davon ja, anderes davon aber nicht oder nur sehr unregelmäßig. Und zwischendurch gab es immer wieder Phasen, in denen ich eher gegen als für mich gearbeitet habe. Aber woher sollte ich auch wissen, was ich will und was mir gut tut? Ich habe doch als Kind gelernt, meine Bedürfnisse zu unterdrücken und mich nur um die der andern zu kümmern. Und da lag das Problem. Wenn ich nicht weiß, was ich mir wünsche, kann ich es mir auch nicht erfüllen. So ist das Ziel „etwas für mich zu machen“ schlicht unmöglich zu erreichen.


Aber das war nicht das einzige Problem. Sich selbst zu lieben, bedeutet auch, die eigenen Macken bedingungslos zu akzeptieren. Diese Beschreibung traf früher überhaupt nicht auf mich zu. Eher im Gegenteil. Ich habe mich für jeden kleinen Fehler - oder alles, was ich für einen Fehler oder eine Schwäche hielt - gehasst und verurteilt. Ich meine, wie konnte ich es nur wagen, aus Versehen ein Glas Wasser umzukippen, fünf Minuten zu spät zu kommen oder zu schüchtern zu sein, um in einer neuen Stadt nach dem Weg zu fragen?!


Bei all dem dachte ich immer, es sei unverzeihlich, dass ich das nicht kann oder dass mir das passiert. Anderen ist das schließlich nicht passiert und alle anderen können das, nur ich natürlich nicht! Diese Gedanken haben irgendwie sehr wenig mit Selbstliebe zu tun. Meine Therapeutin hat mich immer gefragt, ob ich dasselbe denken würde, wenn eine Freundin mir erzählen würde, sie traue sich nicht, fremde Menschen anzusprechen. Natürlich nicht! Das ist ja auch was ganz anderes!


Also jedes Mal, wenn ich mich wieder in meiner ewigen Selbstkritik verlor, fragte mich meine Therapeutin, was ich einer Freundin in der Situation raten würde. Ich mochte dieses Gedankenspiel nie so richtig. Vielleicht, weil es für mich total absurd war, mich selbst wie eine Freundin zu behandeln und mir gut zu zureden. Ich mochte mich ja nicht mal, also warum sollte ich nett zu mir sein?!


Ich wollte aber auch nicht bis ans Ende meines Lebens gegen mich arbeiten. Das Blöde war, dass ich mich nicht mal von anderen geliebt fühlte. Das heißt nicht, dass ich nicht geliebt wurde, aber leider kam die Liebe nie so richtig bei mir an. Also dachte ich mir, ich muss wohl lernen, mich selbst zu lieben, wenn es sonst schon niemand tut. Es war wie ein Trostpreis. So als wollte ich eigentlich mit einer Freundin ins Kino gehen, aber sie sagt in letzter Minute ab. Also gehe ich alleine, denn alleine gehen ist immer noch besser, als gar nicht zu gehen. Aber anstatt den Film einfach alleine zu genießen, gucke ich die ganze Zeit frustriert und enttäuscht auf den leeren Sitz neben mir.


Dabei ist die Selbstliebe gar kein Trostpreis. Sie ist eher eine verlässliche Konstante. Sie ist wie die Musik auf meinem Handy. Sie ist einfach immer gut und immer passend. Die Musik von anderen kann ebenso gut sein und manchmal zeigen mir andere einen neuen Lieblingssong, den ich ohne sie vielleicht nie gefunden hätte, aber sie kann eben auch völlig daneben sein und überhaupt nicht passen. Die eigene Musik kann mich auffangen und ist 24/7 für mich da.


Selbstliebe ist für mich weder Ersatz noch Voraussetzung für die Liebe von anderen. Denn schließlich haben andere mich schon geliebt, als ich mich selbst noch gehasst habe. An meiner Selbstliebe zu arbeiten, hat mir allerdings ermöglicht, die Liebe der anderen zu erkennen.


Ich konnte mir früher nie vorstellen, dass jemand anders oder ich mich selbst lieben könnte. Erst als ich versucht habe, herauszufinden, wie es aussehen könnte, wenn jemand mich liebt, fiel mir auf, dass andere mich bereits mögen und sogar ich mich teilweise mag und mich auch so verhalte.


Die Liebe, die andere für mich hatten, war in den letzten Jahren eher eine Vorlage dafür, wie ich mich selbst und andere lieben kann. Es gibt immer noch Momente, in denen es mir unangenehm ist, wenn jemand etwas Nettes für mich tut. Aber dann versuche ich, daran zu denken, dass sie es freiwillig und gerne machen und auch keine Gegenleistung von mir verlangen. Ich darf es einfach annehmen, ohne schlechtes Gewissen und ohne darüber nachdenken zu müssen, wie ich dieses Nettigkeits-Ungleichgewicht so schnell wie möglich ausgleichen kann.


Auf der Wissenschaftsplattform Instagram habe ich neulich den Satz gelesen, dass der Wille, sich selbst zu lieben, bereits der erste Beweis dafür ist, dass man sich selbst liebt. Und ich glaube, das stimmt. Wenn ich bisher unsportlich und vielleicht auch zu faul war, um Sport zu machen, aber jetzt versuche, regelmäßig zu joggen, dann komme ich am Anfang sicher schnell aus der Puste und bin noch weit davon entfernt, einen Marathon zu schaffen, aber eines bin ich dann ganz sicher nicht mehr: faul und unsportlich. Denn auch, wenn man etwas „schlecht“ macht, bedeutet es ja trotzdem noch, dass man es macht.


Und genauso ist das mit der Selbstliebe. Es zu versuchen, ist schon eine Form der Selbstliebe. Niemand würde erwarten, dass man ohne Training sofort einen Marathon laufen kann. Also warum sollte das mit Selbstliebe anders sein. Zumal man die Selbstliebe nicht nur für 42 km an einem Tag des Jahres braucht, sondern jeden Tag, rund um die Uhr. Das ist viel schwieriger. Vor allem, wenn man so untrainiert ist, wie ich es früher war.

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