Das innere Kind und die Erwachsene
- Franzi C
- 1. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Vor ein paar Monaten hatte ich ja schon mal darüber geschrieben, dass mein Heilungsprozess im Großen und Ganzen vorbei ist und ich dadurch meine Kindheit aktuell nochmal mit ganz anderen Augen sehe. Mittlerweile kann ich auch besser in Worte fassen, was das im Einzelnen bedeutet, was ich denke, fühle und vor allem warum. Und heute möchte ich das mit euch teilen.
Ich habe festgestellt, dass ich in den letzten Jahren alle Gefühle und Gedanken rausgelassen habe, die ich während meiner Kindheit unterdrücken musste. Und da meine gesamten ersten 16 Lebensjahre die Hölle auf Erden waren, ist das eine lange Zeit, in der sich sehr viel ansammeln kann. In meiner Therapie ging es dann darum, die angestauten Emotionen endlich mal zu fühlen. Wie bei einem Regenfass, das permanent überläuft, musste ich es Stück für Stück leeren, damit es nicht mehr bei jedem neuen Problem überläuft und alles unter Wasser setzt.
Und während ich vor ein paar Jahren innerlich noch wie ein quengelndes Kind war, das sich im Supermarkt heulend und schreiend auf den Boden wirft, bin ich jetzt eher wie ein Kind, das fragt, ob es bald Abendbrot gibt, wenn es gerade Hunger hat.
Neben meinem inneren Kind stand die ganze Zeit über eine Erwachsene. Die war früher überfordert, weil sie nicht wusste, wie sie das schreiende Kind beruhigen soll. Aber jetzt ist sie selbstsicherer und entspannter. Sie wüsste jetzt sogar, wie sie mit dem quengelnden Kind umgeht.
Der wichtigste Unterschied zwischen dem kleinen Mädchen und der Erwachsenen ist aber, wie die beiden meine Vergangenheit wahrnehmen. Das Mädchen hat schlimme Sachen erlebt und konnte sich nicht wehren. Es war hilflos den Launen der eignen Eltern ausgesetzt und niemand hat ihr geholfen. Es ist hauptsächlich verletzt, traurig, manchmal auch wütend und brauch vor allem eins: Hilfe.
Die Erwachsene hingegen hat eine Distanz zu dem Geschehenen. Sie weiß, dass die Zeit vorbei ist und weiß jetzt, wie sie sich davor schützen kann, dass ihr so etwas nochmal passiert. Sie sieht nicht nur das Problem, sondern auch die möglichen Lösungen. Vor allem aber ist sie selbst erwachsen und weiß, dass sie ein Kind nie so behandeln würde, wie die anderen Erwachsenen sie damals behandelt haben.
Als Kind habe ich mir genau das immer vorgenommen. Nicht so zu werden wie meine Eltern. Aber sowas ist auch leicht zu sagen als Kind. Ich wusste ja nicht, wie es ist, selbst erwachsen zu sein, das Leben einer Erwachsenen zu führen und auf ein Kind aufzupassen. Jetzt weiß ich aber, wie das alles ist. Ich weiß auch, dass diese Dinge immer Probleme und Herausforderungen mit sich bringen. Und ich weiß, dass man diese Hürden meistern kann, ohne die eigenen Probleme und Emotionen an anderen auszulassen.
Als Ergebnis dessen blicke ich heute auf alles zurück, was bei mir schief lief, und ehrlich gesagt, fehlt mir komplett das Verständnis dafür, wie man dem eigenen Kind gegenüber so feindselig eingestellt sein kann, wie es meine Eltern damals waren. Ich verstehe nicht, wie man das Leben und die Psyche des eigenen Kindes so mutwillig zerstören kann. Und ich verstehe nicht, wie man als Person im Umfeld des Kindes ruhig dabei zusehen kann, wie das Kind immer mehr von seiner Persönlichkeit und seines kindlichen Wesens verliert, bis es irgendwann nur noch still in der Ecke sitzt und keine Gefühle, Bedürfnisse oder eine eigene Meinung mehr zu haben scheint.
Das einzige Gefühl, was da noch übrig ist, ist Verachtung. Ich weiß, dass es möglich ist, sich nicht so zu verhalten, auch wenn man selbst als Kind auch so behandelt wurde. Ja, es ist harte Arbeit. Man muss sich ständig selbst hinterfragen und sich die eigenen Fehler eingestehen, aber lieber mache ich all diese Arbeit, als zuzulassen, dass sich jemand wegen mir so fühlt, wie ich mich damals gefühlt habe.
Ich verstehe nicht, wie man vor sich selbst rechtfertigen kann, ein Kind so gemein zu behandeln bzw. wegzusehen, wenn andere es tun. Ich verstehe auch nicht, wie man lieber eine scheinheilige Rechtfertigung nach der anderen für das eigene Fehlverhalten sucht, als das Verhalten einfach zu ändern. Warum ist solchen Menschen wichtiger, sich einreden zu können, dass sie immer Recht haben und alles richtig machen, als dafür zu sorgen, dass sich das eigene Kind sicher und geliebt fühlt? Ich weiß es nicht.
Ich hab solche Menschen als Kind nicht verstanden und jetzt als Erwachsene verstehe ich sie immer noch nicht. Und ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich sie überhaupt verstehen will. Mir ist nur wichtig, diese Menschen als solche erkennen zu können, wenn ich sie treffe, und nicht so zu sein wie sie. Und das ist doch auch das Schöne am Erwachsensein. Ich kann mir mein Umfeld selbst aussuchen und bin solchen Menschen nicht mehr hilflos ausgesetzt.
Kommentare