Spieglein, Spieglein…
- Franzi C
- 25. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Die eigene persönliche Entwicklung merkt man vor allem an den Verlusten, die man währenddessen einstecken muss. Diesen Satz habe ich vor einigen Jahren mal irgendwo gehört oder gelesen. Und seitdem muss ich immer wieder daran denken, wenn ich das Gefühl habe, wieder etwas oder jemanden zu verlieren.
Ganz am Anfang habe ich natürlich vor allem meine psychische Gesundheit verloren. Wobei fraglich ist, ob ich die überhaupt jemals hatte. Wenn ja, dann höchstens für vier Stunden direkt nach meiner Geburt. Ich musste mich also vor vier Jahren damit zurecht finden, dass ich über Nacht eine Liste an Symptomen bekam, die ich vorher nicht hatte. Ich musste sogar ein Antidepressivum nehmen, um überhaupt alltäglichen Dinge wie einkaufen oder schlafen wieder meistern zu können.
Vor ein paar Monaten habe ich dann mein Antidepressivum abgesetzt, um zu sehen, wie viel von meiner Krankheit eigentlich noch übrig ist. Es stellte sich heraus, dass die mittlerweile restlos verschwunden war. Das ist doch eine hervorragende Nachricht! Paradoxerweise war das für mich aber trotzdem so etwas wie ein Verlust. Nachdem ich mich jahrelang daran gewöhnt habe, dass ich krank bin und in meinem Leben jetzt andere Regeln gelten als vorher, musste ich mich jetzt darauf einstellen, einfach ein gesunder Mensch zu sein.
Wahrscheinlich bin ich auch schon länger gesund. Bei psychischen Krankheiten ist die Heilung ja eher ein schleichender Prozess. Da gibt es keine klar markierte Ziellinie, die man überquert, und dann brechen die Menschen am Rand in lautem Jubel aus. Nein. Man wird einfach gesund, ohne dass man es so richtig mitbekommt, und niemand sagt einem Bescheid. Man kriegt nicht mal einen Brief von der Krankenkasse.
Der wesentlich größere Verlust sind aber die Menschen, die man auf dem Weg zur Gesundheit verliert. Aber leider ist es wichtig, dass man sie verliert. Genau wie bei den alten Griechen Hunde, Ziegen und Fische geopfert wurden, um die Götter zu besänftigen, musste ich Freunde und Familienmitglieder opfern, um wieder gesund zu werden.
Natürlich habe ich nicht alle verloren, sondern „nur“ die, die mich in meiner Heilung nicht unterstützen konnten oder wollten. Ihnen weiterhin einen großen Platz in meinem Leben zu geben, wäre so, als würde ich den Mount Everest besteigen und mir freiwillig Hindernisse in den Weg stellen. Es würde eine ohnehin schon schwierige Aufgabe noch schwerer oder vielleicht sogar unlösbar machen.
Wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass das alles klingt, als hätte ich die Personen aktiv aus meinem Leben ausgeschlossen. In Wahrheit waren sie es, die sich von mir distanziert haben. Nachdem ich angedeutet habe, dass die Verfilmung meiner Kindheit nicht ohne weiteres im Nachmittagsprogramm vom Disney Channel laufen könnte, wurde ich plötzlich anders behandelt als vorher. Ich wurde nicht mehr gefragt, wie es mir geht. Ich wurde nicht mehr auf Geburtstage eingeladen. Und es wurde sogar vermieden, alleine mit mir in einem Raum zu sein.
Kurz gesagt: In einer Zeit, wo ich meine Freunde mehr als alles andere auf der Welt gebraucht hätte, wurde ich ausgerechnet von genau denen im Stich gelassen. Das tat weh. Dann hatte ich die Wahl zwischen einer oberflächlichen Freundschaft, in der ich mit allem allein gelassen werde, oder die Freundschaft loslassen. In beiden Fällen war klar, dass ich keine Hilfe von der Person erwarten kann. Also blieb mir nichts anderes übrig, als deren unausgesprochenen Wunsch nach Distanz zu akzeptieren.
Die interessante Frage ist natürlich, warum sie mir aus dem Weg gegangen sind. Da sie mir nie direkt gesagt haben, was der Grund für das verletzende Verhalten war, auch nicht nachdem ich einige darauf angesprochen habe, kann ich nur raten. Zum Glück lernt man in einer Therapie nicht nur sich selbst besser kennen, sondern auch die Menschen im eigenen Umfeld.
Erfahrungsgemäß können wir andere nur so weit akzeptieren und verstehen, wie wir das bei uns selbst schaffen. Oder anders gesagt, wenn wir unser ganzes Leben lang nur in einem Teich mit 1,20 Meter Tiefe geschwommen sind, haben wir Angst vor einem See oder einem Meer. Angst davor, dass wir den Boden nicht mehr sehen oder berühren können. Angst davor, was passiert, wenn wir immer weiter rausschwimmen. Etwas könnte uns nach unten ziehen und wir könnten ertrinken. Ich kenne das Gefühl. So ging es mir auch die meiste Zeit meines Lebens.
In dem Teich fühlt mich sich dann sicherer, aber man ist eben auch abgeschnitten von all den Möglichkeiten und der Tiefe, die ein See oder auch ein Meer so bietet. Meine Heilung bestand daraus, meinen eigenen Teich zu verlassen und zu lernen, erst in einem See zu leben und dann auch in einem Meer.
Fernab von der Metapher bedeutet das, ich wollte meine Komfortzone verlassen und mich mit all meinen Stärken und Schwächen auseinandersetzen. Ich wollte nicht mehr vor meinen Emotionen wegrennen, sondern sie einfach mal fühlen und sehen, was sie mir zu sagen haben. Ich vermute, dass die besagten Freunde und Familienmitglieder eben genau das nicht können und Angst davor haben. So große Angst, dass sie nicht mal mir dabei zusehen können, wie ich es mache bzw. ihnen davon erzähle, dass ich es mache. Vielleicht macht es sie auch traurig, dass sie es bei sich nicht schaffen, ich aber schon.
Es ist, als würde meine Vergangenheit und persönliche Entwicklung ihnen einen Spiegel vorhalten, aber sie können die Reflexion nicht ertragen, denn sie zeigt ihnen all das, was sie sein könnten, aber eben nicht sind. Dann ist es natürlich logisch und vor allem einfacher, mir aus dem Weg zu gehen. Die Entscheidung ist klar. Die eigene Komfortzone ist wichtiger, als weiterhin mit mir befreundet zu sein. Und weil ich noch nie jemand war, der anderen hinterher gerannt ist, akzeptiere ich diese unausgesprochene Entscheidung natürlich.
Einige Menschen habe ich auch nicht komplett verloren, sondern „nur“ die gefühlte Nähe zu ihnen. Mit ihnen rede ich dann nur noch über das Wetter. Das ist auch in Ordnung. Und rückblickend auch eigentlich gar kein großer Verlust.
Das Gute ist, dass ich in der Zeit gemerkt habe, wer bereit ist, mit mir zusammen den Teich zu verlassen, oder wer vielleicht schon die ganze Zeit darauf gewartet hat, dass ich zu ihnen in den See komme und sie mir zeigen können, wie ich mich darin am besten zurechtfinden kann, ohne unterzugehen.
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