Heilung ohne Applaus
- Franzi C
- 27. Juni
- 3 Min. Lesezeit
In den letzten Wochen habe ich wieder mal gemerkt, wie unglamourös und frustrierend ein Heilungsprozess sein kann. Und das nicht nur während der Heilung, sondern auch noch danach.
Während andere sich um ihre Familie und/oder ihre Karriere kümmern und Erfolge feiern, die auch von allen als solche anerkannt werden, habe ich mich in den letzten Jahren mit mir und meiner Kindheit auseinandergesetzt. Das Leben der Anderen ging weiter. Meins dagegen schien, irgendwie stehen zu bleiben. Ich konnte mich nicht mit dem Hier und Jetzt beschäftigen, sondern musste über Dinge nachdenken, die schon 20 Jahre her sind, und habe es währenddessen nicht mal geschafft, meine Wohnung sauber zu halten.
Im Vergleich mit Anderen komme ich mir so vor, als ob ich hinterher hinke. In gewisser Weise tue ich das ja auch. Aber eben nicht, weil ich die letzten zehn Jahre faul war, sondern weil ich schon mein ganzes Leben lang unsichtbares Gepäck mit mir rumschleppe. Dadurch habe ich mich langsamer bewegt und brauchte für alles mehr Kraft als andere, die dieses Gepäck nicht hatten.
Meine engsten Freunde haben meine Entwicklung in den letzten Jahren mitbekommen. Sie haben sich auch für jeden neuen persönlichen Erfolg von mir gefreut. Aber für alle anderen ist meine Arbeit kaum bis gar nicht sichtbar. Während andere auf Feiern darüber reden können, dass sie eine neue Arbeit haben, mehr Geld bekommen, auswandern wollen, schwanger sind oder sich ein Haus bauen, kann ich nur sagen, dass ich in den letzten Jahren nicht arbeiten konnte, weil ich krank war.
Aber was soll ich auch den Menschen erzählen, die mich und mein Leben gar nicht kennen? Sowas wie: „Cool, du hast einen neuen Job und ich kann auf Nachrichten von Freunden warten, ohne gleich die gesamte Freundschaft in Frage zu stellen. Läuft bei uns beiden!“? Oder vielleicht: „Ich will ja nicht angeben, aber ich habe mittlerweile verstanden, dass ich es verdient habe, ein glückliches Leben voller Liebe zu führen.“?
Innere Erfolge sind eben gesellschaftlich noch nicht so anerkannt, nicht so leicht verständlich und auch nicht so sichtbar wie die äußeren. Innere Arbeit ist komplex und braucht Kontext und Vorwissen. Jobs und Häuser brauchen das alles nicht. Aber das Problem geht noch weiter.
Hinzu kommt nämlich, dass Menschen wie ich, die gerade nicht arbeiten, von vielen als faule Sozialschmarotzer abgestempelt werden, die sich auf Staatskosten ein schönes Leben machen und die für alles Schlechte in diesem Land verantwortlich sind.
Auch wenn ich weiß, dass ich mir meine jetzige Situation nicht ausgesucht habe und alles dafür tue, dass ich wieder Arbeit finde, ist es extrem demotivierend, wenn die Politik und die Gesellschaft ständig so über einen reden. Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich mich überhaupt noch bewerben soll. Denn wenn ich mich bewerbe, scheine ich, für keine Firma gut genug zu sein. Aber wenn ich es nicht tue, kann ich keinen Job finden. Und in beiden Fällen bin ich, solange ich noch arbeitslos bin, der Abschaum der Gesellschaft.
Es ist der große Unterschied zwischen der teilweise unsichtbaren Realität und der äußeren Wahrnehmung, der mein Leben gerade unnötig schwierig macht. Meine Arbeit findet eben nur im Privaten statt und ist dadurch von Natur aus unsichtbar für die Meisten. Ich fürchte, dagegen kann auch niemand etwas machen, weil sich dabei im Grunde niemand falsch verhält. Ich kann und möchte nicht auf einer Geburtstagsfeier über meine (ehemaligen) mentalen Probleme reden. Und wenn ich nicht darüber rede, kann meine Arbeit auch nicht sichtbar werden und die Anderen können sich nicht über meine Erfolge freuen. Ziemlich logisch, wenn auch sehr frustrierend.
Das alles sorgte dafür, dass ich mich während des Heilungsprozesses und auch danach noch einsamer und unverstandener fühlte als sowieso schon. Die verlässlichste Bestätigung, die ich bekomme, ist, wenn ich selbst merke und anerkenne, wie sich meine Beziehung zu mir bzw. zu anderen verändert hat. Jedes Mal, wenn ich bemerke, dass mir etwas leichter fällt als früher oder ich mit einer Situation anders/besser umgehe, freue ich mich über den neuen Fortschritt.
Diese Erfolgsmomente sind aber relativ selten, denn so eine innere Entwicklung passiert langsam und meist, ohne dass ich jedes Detail mitbekomme. Erst rückwirkend oder in den konkreten Situationen, in denen ich mich deutlich anders verhalte, kommt der Aha-Moment. Es sind schöne und wichtige Momente. Aber es wäre eben auch schön, öfter Bestätigung von außen zu bekommen. Weniger politische Verurteilungen und gesellschaftliche Abwertungen würden wahrscheinlich auch schon reichen.
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