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Ich war nie die Nummer 1

  • Autorenbild: Franzi C
    Franzi C
  • 8. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit

Nachdem ich meine Therapie erfolgreich beendet habe und sich auch meine psychischen Probleme in Luft aufgelöst haben, geht es mir zum ersten Mal in meinem Leben wirklich gut. Mein Kopf explodiert nicht mehr, ich renne nicht mehr vor irgendwas weg oder muss mich nicht mehr ständig mit alten Problemen beschäftigen. Und trotzdem gibt es noch Dinge, die mich stärker verletzen als andere.


Es geht um Situationen, in denen jemand einen Plan mit mir absagt, weil etwas Wichtigeres dazwischen gekommen ist. Egal, ob es ein entspannter Nachmittag in einem Café, ein gemeinsamer Besuch einer Veranstaltung oder eine Einladung zu meinem Geburtstag ist. Es tut immer etwas weh, wenn so etwas dann plötzlich doch nicht stattfindet.


Mir ist natürlich klar, dass das Leben meiner Freunde und Verwandten nicht nur aus mir besteht. Natürlich haben sie alle ein eigenes Leben, einen Job, Kinder, Partnerinnen und auch andere Freunde. Ich werfe es auch niemandem vor, wenn jemand wegen dieser Dinge absagt. Ich würde es ja genauso tun und habe es auch schon getan. Das ist ja das Absurde daran. Mir ist bewusst, dass sich niemand falsch verhält. Im Gegenteil, es wäre sogar sehr fragwürdig, wenn jemand eine schon länger geplante Reise oder eine andere Veranstaltung absagen würde, um sich mit mir zu treffen.


Und doch verletzt es mich. Es löst in mir das Gefühl aus, nicht wichtig zu sein. Und so habe ich mich schon zu oft gefühlt. Vor allem als Kind, also der einzigen Zeit, in der man sich nie so fühlen sollte. Man sollte als Kind immer am wichtigsten für irgendjemanden sein. Wenn nicht für das eine Elternteil, dann für das andere oder die Großeltern, die Tante, den Onkel, die Cousine, den Nachbarn. Im Normalfall gibt es immer eine Person, die gerade die Verantwortung hat, die aufpasst und den Tag mit und für das Kind plant.


Später gibt es diese Person immer seltener oder auch gar nicht mehr. Die Lehrkräfte in der Schule sind eben nicht mehr nur für ein oder zwei Kinder zuständig, sondern für 28. Hausaufgaben und die Pläne für die eigene Freizeit müssen irgendwann alleine gemacht werden. Und ein paar Jahre später muss man sich alleine um eine Wohnung kümmern und für sich selbst einkaufen. Das nennt sich Erwachsenwerden und ist total normal.


Das Problem ist nur, wenn man - so wie ich in meiner Kindheit - Eltern hatte, denen ich nicht wirklich wichtig war bzw. denen die eigenen Partner oder andere Dinge immer wichtiger waren als ich. Und selbst wenn sie Zeit mit mir verbracht haben, dann nur, weil ich beim Einkaufen tragen helfen sollte. Oder wir haben etwas gemacht, was nur das Elternteil, aber nicht mich interessierte. Dann hatte ich die Wahl, mit dem Elternteil etwas zu machen, worauf ich keine Lust hatte, oder gar keine Zeit mit ihm verbringen. Die Liste könnte ich jetzt ewig weiter führen, aber ich glaube, ihr habt verstanden, worauf ich hinaus will.


Es gab bestimmt auch mal Momente, in denen ich ihnen wirklich wichtig war, aber eben nicht genug. Je älter ich wurde, desto unwichtiger wurde ich. Dabei sollte man doch in der Zeit den eigenen Vorrat des „Ich bin wichtiger als alle anderen“-Gefühls so auffüllen, dass der bis ans Lebensende reicht. Wenn die eigenen Eltern das nicht hinbekommen, passiert eben genau das, was mir immer passiert, wenn jemand absagt oder Pläne verschiebt. Es verstärkt das alte Gefühl, dass ich nicht wichtig genug bin.


Meine Therapeutin meinte mal, dass viele genau das in einer Therapie suchen. Jemand, der sich nur mit ihnen beschäftigt. Und ehrlicherweise fand ich das auch immer super. Einmal die Woche geht es nur um mich und ich bin nicht verpflichtet, die andere Person zu fragen, wie es ihr geht und ob sie gerade Probleme hat. Das ist eben der Deal. Dafür bekam meine Therapeutin schließlich auch Geld von meiner Krankenkasse. Als würde ich zu einer Ärztin oder meinem Friseur gehen. Sie bekommen Geld und dafür helfen sie mir und geben mir, was ich brauche.


Es ist eben genau das Gefühl, dass ich nicht aus der Kindheit kenne: Für einen kurzen Moment bin ich wichtiger als alle anderen. Natürlich gibt mir mein Umfeld mittlerweile regelmäßig dieses Gefühl. Jedes Mal, wenn eine Person ihr Handy weglegt, um sich voll auf das Gespräch mit mir zu konzentrieren. Oder wenn sie einen weiten Weg zurücklegt, um mich zu sehen. Oder wenn sie mir zwischendurch schreibt, um mich zu fragen, wie es mir geht, oder um mir zu erzählen, wie ihr Tag war. Oder wenn sie mir erzählt, dass sie vor zwei Wochen etwas an mich erinnert hat.


Vor allem wenn jemand an mich denkt, während ich nicht bei ihnen bin, überrascht mich immer noch. Bei meinen Eltern galt immer: Aus den Augen, aus dem Sinn. Sobald ich woanders war, schien ich für sie nicht mehr zu existieren. Und irgendwie hat sich das bei mir als normal abgespeichert. Deshalb bin ich immer wieder erstaunt, wenn jemand einfach so an mich denkt, obwohl ich gar nicht in Sichtweite bin. Etwas absurd ist das schon, denn schließlich denke ich ja auch an sie, wenn ich gerade keine Zeit mit ihnen verbringe.


Ich weiß nicht, ob ich jemals an den Punkt kommen werde, an dem solche Kleinigkeiten wie ein abgesagtes Treffen nicht mehr dazu führen, dass ich mich unwichtig fühle. Es gibt ja auch nichts, was meine Freunde anders machen könnten. Das Problem besteht ja „nur“ in meinem Kopf, weil es mich jedes Mal aufs Neue daran erinnert, wie ich mich als Kind gefühlt habe. Erfahrungsgemäß hilft da nur, wenn ich daran arbeite, solche Situationen in Zukunft anders zu bewerten und mich daran zu erinnern, dass es nicht die Absicht meines Umfeldes ist, mir das Gefühl zu geben, dass ich unwichtig bin.

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