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Panzer vs. Giraffe

  • Autorenbild: Franzi C
    Franzi C
  • 23. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

In der Erziehung soll es darum gehen, das (eigene) Kind zu formen, ihm die Welt zu erklären und ihm dabei zu helfen, einen eigenen Charakter und einen eigenen Lebensentwurf zu entwickeln. So oder so ähnlich habe ich das zumindest mal in meinem Studium gehört. (Wobei man für diese Erkenntnis wirklich nicht studieren muss.)


Aber selbst die Gelehrten von früher (Plato, Rousseau und Co.) waren sich nicht ganz einig darüber, ob ein Kind einfach eine leere Leinwand ist, die man füllen muss, oder ob Kinder bereits mit einer gewissen Form (Charakter, Interessen) auf die Welt kommen und es die Aufgabe der Erwachsenen ist, nur noch die Feinheiten herauszuarbeiten. Ich glaube an Letzteres.


Mein damaliger Professor schien das ähnlich zu sehen. Er erzählte uns von einem Kind, dass sich zu Weihnachten einen Spielzeugpanzer wünschte, aber da seine Eltern gegen Krieg waren, bekam er stattdessen eine Giraffenfigur. Am Ende nutzte das Kind die Giraffe, um seine anderen Spielzeuge abzuschießen und zu überfahren.


Die Moral der Geschichte ist ziemlich klar. Das Kind hat seinen eigenen Charakter, andere oder noch nicht so stark ausgeprägte Werte und eigene Interessen. Ich glaube nicht, dass das Kind für oder gegen Krieg war. Wahrscheinlich hatte das Kind einfach nicht so viel Bedeutung in den Panzer bzw. die Giraffe hineininterpretiert.


Aber warum erzähle ich das alles? Weil ich ähnliches erlebt habe. Ich war der Panzer, der zur Giraffe erzogen werden sollte. Das hat zum Glück nicht geklappt. Aber es war ein lebenslanger Kampf, bei dem ich von außen immer wieder zu etwas gemacht werden sollte, was ich gar nicht war. Das führte zu den komischsten (oder vielleicht auch weniger komischen) Verhaltensweisen.


Eigentlich bin ich eine introvertierte Person, die neue Menschen erstmal beobachtet und analysiert, bevor sie sich ihnen öffnet. Wenn ich mich dann aber bei einer Person wohl fühle, werde ich extrovertiert, anhänglich und rede wie ein Wasserfall. Mir fällt es leicht, beide Seiten einer Geschichte zu sehen. Ich bin gerne drinnen, gucke Filme und höre Musik, um Probleme zu verarbeiten. Mir ist es wichtig, dass ich mich wohl fühle.


Ich verstehe meine Emotionen und Gedanken besser, wenn ich in einem Psychologiebuch eine Erklärung darüber gelesen habe, was da gerade in mir passiert. Mir hilft es einfach, wenn ich das passende Fachwort dazu parat habe. Ich bin das, was man im Allgemeinen als empfindlich bezeichnen würde. Und mittlerweile bin ich stolz drauf.


Nichts davon ist ein Problem. Aber es wird eins, wenn die eigene Familie ganz andere Pläne für einen hat. Ich wurde immer behandelt, als sei ich der emotionale Elefant im Porzellanladen, den weder die eigenen Gefühle noch die der anderen interessieren. Für meine Eltern war ich eine Person, die zwar dumm ist, aber im Rahmen ihrer geistigen Möglichkeiten alles ganz pragmatisch sieht, und keinen Sinn für kindliche, romantische oder sogar kitschige Momente hat.


Irgendwann entstand in mir ein innerer Kampf. Die Person, die ich sein wollte, gegen die Person, die ich war. Panzer gegen Giraffe. Das führte zu den absurdesten Situationen. Ich war ein wandelnder Widerspruch. Als Kind war ich genervt von anderen Kindern, weil sie mir zu kindisch waren. Wenn ich eine kitschige Serie sah, war ich angewidert von dem Ganzen Herumgeschleime, machte mir aber innerlich Notizen für mein späteres Leben, weil ich irgendwann selbst mal Menschen in meinem Leben haben wollte, die mich bei jeder Gelegenheit voll schleimen.


Ich tat so, als hätte ich keine Emotionen und als wäre mir alles egal, dabei sorgte schon die kleinste Bemerkung dafür, dass ich mir später alleine in meinem Zimmer die Augen ausweinte. Ich tat auch so, als wären mir die Gefühle der anderen egal, also sagte ich „direkte“ Dinge, ohne jegliche Empathie. Dabei konnte ich damals wie heute jeden Raum innerhalb von Sekunden lesen und weiß daher intuitiv, ob es einer Person gut oder schlecht geht und was die Person braucht, um sich besser zu fühlen.


In der Schule bemühte ich mich darum, nur mittelmäßige Noten zu bekommen, denn ich war ja dumm. Nachmittags sah ich Wissenssendungen im TV und las das Welt der Wunder-Magazin - am liebsten die Artikel über Psychologie. Ich hatte zwar seit meiner Jugend keine Ahnung mehr, was ich gerade fühlte oder ob ich überhaupt noch zu irgendwelchen Emotionen fähig war, aber, als ich vor ein paar Jahren krank wurde, wusste ich bereits nach fünf Minuten meine (später von mehreren Psychologinnen bestätigte) Diagnose und las mir sofort den Wikipedia-Artikel dazu durch.


Als Erwachsene redete ich mir weiterhin ein, ich sei eine Giraffe, und wunderte mich dann, warum ich so unglücklich war. Ich arbeitete die ganze Zeit gegen mich. Ich presste mich in die Giraffenform und wunderte mich, warum sie nicht passte. Wie Tarzan, der zwar als Affe erzogen wurde, aber doch nie so richtig dazugehörte.


Irgendwann sah ich in den Spiegel und merkte, dass da all die Jahre etwas ganz gewaltig schief lief. Aber zu dem Zeitpunkt, wusste ich gar nicht mehr, wer ich eigentlich war. Die Person, die ich sein sollte, war so groß, dass ich mein wahres Ich einfach übersehen habe.


Umso schöner war es dann, als ich Stück für Stück zu der Person wurde, die ich tief in mir drinnen schon immer war. Eine Person, die vor dem Sprechen überlegt, ob sie ihr Gegenüber damit verletzen könnte. Eine Person, die kindisch ist und ein einer Woche dreimal denselben kitschigen Film sieht. Und eine Person, die sich gerne um die eigenen Emotionen und um die der anderen kümmert.


Vor einiger Zeit hörte dann auch der innere Kampf auf und meine metaphorische Giraffe wurde kleiner. Mein Leben fühlte sich zum ersten Mal an, wie mein eigenes, und ich war endlich zufrieden mit der Person, die ich im Spiegel war.

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