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Wenn aus "müssen" ein "wollen" wird

  • Autorenbild: Franzi C
    Franzi C
  • vor 2 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit

Wie ihr bereits alle wisst, war ich in den letzten Jahren in Therapie und habe die Dinge aus meiner Kindheit aufgearbeitet. In der Aufarbeitung - egal ob mit oder ohne Therapie - geht es aber nicht darum, mit den schlimmen Erlebnissen klarzukommen, obwohl man das vielleicht im ersten Moment denken könnte. Im Gegenteil, es geht darum, zu lernen, dass man gute Erlebnisse zulassen und genießen kann.


Es klingt erstmal falsch, ist aber eigentlich richtig. Ich erkläre euch auch, warum das so ist. Wenn man lange Zeit negative Dinge erlebt hat oder so wie ich die gesamte Kindheit mit der enormen erzieherischen Inkompetenz der eigenen Eltern aufgewachsen ist, dann denkt man als Kind irgendwann, das ist normal und genau das, was man verdient hat. Und genau weil das bei mir der Normalzustand war, habe ich natürlich mit der Zeit eine Strategie entwickelt, um mich an dieses kaputte „Normal“ anzupassen und damit klarzukommen.


Je länger man so einer Situation ausgesetzt ist, desto besser wird die Strategie. Noch heute kann ich innerhalb von Sekunden erkennen, wie eine Person drauf ist und was ich machen müsste, um dafür zu sorgen, dass es ihr wieder besser geht. Ich habe auch heute noch nicht nur gerne einen Plan B parat, sondern am liebsten auch noch einen Plan C, D, E und F.


Das Problem ist nur, dass ich diese Strategien irgendwann nicht mehr als solche erkannt habe, sondern sie für meine Persönlichkeit hielt. Der Unterschied zwischen den beiden ist einfach erklärt. Eine Strategie benutzt man nur in den Situationen, in der sie hilfreich sind. So wie ich eine Leiter nur benutze, wenn ich z.B. Glühbirne auswechseln muss. Die eigene Persönlichkeit benutzt man aber immer unabhängig von der Situation. Meine Strategien für meine Persönlichkeit zu halten und sie demnach immer zu verwenden, war, als hätte ich die Leiter auch zum abwaschen, schlafen, Filme schauen und zum Sport benutzt. Damit habe ich mir mein Leben unnötig schwer gemacht und dabei nicht mal geschafft, meinen Abwasch (und all die anderen Dinge) vernünftig zu erledigen.


Meine Kindheit zu verarbeiten, hieß also vor allem, zu erkennen, was Strategie und was Persönlichkeit ist, aber auch neu zu definieren, was denn wirklich normal ist. Das Verhalten meiner Eltern war es ja offensichtlich nicht. Und was ist ein gutes Leben? Oder genauer gesagt, was ist ein gutes Leben für mich? In meiner Kindheit führte ich ja hauptsächlich ein gutes Leben für meine Eltern.


Ich hatte damals eine grobe Idee, wie ein gutes Leben für mich aussehen könnte. Ich wusste, ich brauche einen Ort, an dem ich mich zuhause fühle, und Personen, die mich akzeptieren, wenn ich einfach ich selbst bin. Was ich nicht wusste, war, woran erkenne ich diesen Ort und diese Personen und was muss ich dafür tun, um diese Menschen davon zu überzeugen, dass sie freiwillig Teil meines Lebens sein und auch bleiben wollen.


Und nachdem ich schon herausgefunden hatte, welcher Teil meines Verhaltens   Strategie und welcher Persönlichkeit war, musste ich als zweiten Schritt noch lernen, bei welchen Menschen ich was brauche. Bei welchen Menschen brauche ich meine Leiter und bei welchen nicht? Oder anders gefragt, bei welchen Menschen werde ich bedingungslos akzeptiert?


Diese richtigen Menschen habe ich immer daran erkannt, dass meine üblichen Strategien nicht funktioniert haben und die Personen sogar „gefordert“ haben,  dass ich sie nicht benutze. Dafür haben bei ihnen plötzlich Dinge funktioniert, die bei anderen nicht gingen. Ich konnte mit ihnen viel Zeit verbringen, ohne zu viel zu sein oder zu nerven. Ich konnte nach Hilfe fragen, ohne als bedürftig oder doof abgestempelt zu werden. Diese Personen haben aktiv meine Nähe gesucht, anstatt die gemeinsame Zeit auf das Nötigste zu reduzieren und selbst dann noch lieber auf Abstand zu gehen.


Diese Personen zu erkennen ist der eine Teil der Arbeit. Der andere ist, zu lernen, dass diese Menschen der Normalfall sein sollten und dass sie auch ein Teil meines Lebens sein dürfen. Denn ich habe - wie jede andere Person auf dieser Welt auch - verdient, von den Menschen in meinem Leben akzeptiert und bedingungslos unterstützt zu werden. Das klingt zwar so selbstverständlich, ist es aber nicht.


Ich erinnere mich an eine Therapiestunde, in der mich meine Therapeutin gefragt hat, ob ich es meiner Meinung nach verdient hätte, glücklich zu sein. Ich habe kurz überlegt und sagte dann „Nein, habe ich nicht.“, während ich anfing, zu weinen. Das war auf jeden Fall einer der traurigsten Momente aus der Zeit. Meine Eltern haben tatsächlich geschafft, mir einzureden, dass ich es verdiene, bis ans Ende meines Lebens unglücklich zu sein. Autsch!


Während ich also lernte, mich den richtigen Menschen gegenüber zu öffnen, musste ich mir also auch immer wieder klar machen, dass ich diese Menschen auch verdiene. Und nicht nur diese Menschen, sondern auch die Gefühle, die durch sie entstehen. Die innere Ruhe, das Gefühl der gegenseitigen Zuneigung, das nicht mehr nach dem Haken oder dem Worst Case-Szenario suchen müssen und das Gefühl, das entsteht, wenn eine andere Person etwas gutes für einen tut.


Am Anfang hatte ich bei diesen Personen immer ein Schuldgefühl. So als ob ich etwas falsch mache, wenn sie nett zu mir sind und Zeit mit mir verbringen. Das klingt mittlerweile so absurd. Ist es ja auch. Aber früher war es ja tatsächlich die Regel. Wenn ich einfach ich selbst war oder es mir gut ging, habe ich mich falsch verhalten. Richtig war nur, was anderen geholfen hat und ich dabei nicht zu viel, zu nervig, zu laut, zu alles war.


Aber auch im Umgang mit mir selbst hatte ich immer das Gefühl, dass ich es nicht verdient habe, mir einfach mal so etwas gutes zu tun. Sowas war eher die Ausnahme. Vor ein paar Jahren habe ich dann damit angefangen, mir nur schöne Dinge zu gönnen, wenn es mir eine Zeit lang schlecht ging. So als müsste ich erst ganz viel leiden und mir dadurch erarbeiten, dass ich dann auch mal etwas schönes machen darf.


Dann kam eine Zeit, wo ich das Gefühl hatte, Dinge wie Malen, Schreiben, Klavier spielen, Sport usw. machen zu müssen, um zu verhindern, dass es mir noch schlechter geht. Und wenn ich solche Sachen nicht mache, bin ich selbst dran Schuld, wenn meine Stimmung wieder in den Keller wandert. Mir selbst etwas gutes zu tun, wurde zu einer Aufgabe wie Staub saugen oder Zähne putzen.


Seit kurzem mache Dinge, die mir gut tun, aber einfach so. Sie haben keine Aufgabe mehr. Sie dürfen einfach nur Spaß machen. Solche Hobbys muss ich mir schließlich nicht verdienen. Die kann ich so oft und solange ausüben, wie ich will. Und wenn ich keine Lust habe, dann mache ich sie halt nicht. Denn auch das habe ich verdient. Nicht mehr alles mögliche zu müssen, sondern auch mal etwas (nicht) wollen zu dürfen.

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