Meine Komfortzone
- Franzi C
- 15. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Jede Person hat eine individuelle Komfortzone. Bei dem einen ist sie größer, bei dem anderen ist sie kleiner. Die einen verlassen sie ständig, andere nur manchmal und wieder andere gar nicht. Aber wann fällt es uns leichter, sie zu verlassen und wann nicht? Und wie immer die wichtigste Frage: Warum?
Seit einiger Zeit schaffe ich es, mich anderen Menschen gegenüber immer weiter zu öffnen und eine Nähe aufzubauen. Früher gab es da eine Grenze, die ich auf keinen Fall überschreiten wollte. Mir war es wichtig, immer eine rückblickend ziemlich große Distanz zwischen mir und anderen Personen zu haben. Das ist mittlerweile anders.
Manchmal klappt die Sache mit der Nähe, ohne dass ich groß darüber nachdenken muss. Aber manchmal ist es für mich auch eine große Überwindung, denn dafür muss ich oft meine Komfortzone verlassen. Dann scheitere ich erst ein paar Mal, bevor es dann schlussendlich klappt.
Am einfachsten gelingt es mir, wenn ich etwas ganz neues probiere. Dann gehe ich einen unbekannten Weg und probiere einfach aus, wie weit ich komme. Dabei fühlt es sich für mich an, als würde ich die ganze Zeit über improvisieren. Und im Grunde mache ich das ja auch, denn es ist wie gesagt ein neuer Weg, ein neues Verhalten, eine neue Denkweise und ich habe keine gute oder schlechte Erfahrung, auf die ich zurückgreifen kann.
Schon schwerer fällt es mir, wenn ich etwas schon hunderte Male gemacht habe, aber jetzt anders machen will. Denn dann weiß ich ja, was passiert, wenn ich den alten Weg gehe. Bei dem neuen weiß ich es hingegen nicht. Aber in diesem Fall gibt es ja immer einen Grund, warum ich den alten Weg nicht mehr gehen will. Vielleicht weil er nicht mehr zu mir passt oder mir das Ergebnis nicht (mehr) gefällt. Dann gibt es immerhin die innere Motivation, die es mir schwerer macht, weiterhin den alten Weg zu gehen.
Mit Abstand am schwersten fällt es mir aber, wenn ich etwas machen will, was manchmal klappt, aber manchmal eben auch nicht. Zum Beispiel, wenn ich einer Person von meiner verkorksten Kindheit erzählen will und ich aus Erfahrung weiß, dass nicht alle Menschen damit gut umgehen können. Oder wenn ich auf eine Person zugehen will, aber mir meine Erfahrung gezeigt hat, dass manche Menschen daraufhin einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung gehen.
Sowas ist besonders schwer, weil in diesem Fall weder mein Verhalten noch meine Denkweise daran schuld ist, dass es manchmal schief geht. Denn jeder Mensch hat eine Kindheit und bei einigen war die eben nicht so schön wie bei anderen. Oder man hat einen Ex-Partner oder andere Menschen, die einen nicht gut behandelt haben. Und über so etwas zu reden, ist ganz klar kein falsches Verhalten. Das eigentliche Problem ist dann, dass mein Gegenüber einfach nicht die richtige Person dafür war, denn es gab ja schließlich auch schon Personen, bei denen das alles kein Problem war. Dann habe ich von meiner Vergangenheit erzählt und die Freundschaft/Beziehung ging dann einfach normal weiter.
Das Problem ist dann also hauptsächlich, dass ich diesen Schritt bisher zu oft bei den falschen Menschen gegangen bin. Dadurch ist meine Komfortzone mittlerweile künstlich verkleinert worden. Wenn man immer denselben (richtigen) Weg geht, aber merkt, dass es eine Stelle gibt, an der für einige eine Grenze ist, fängt man irgendwann an, selbst zu denken, dass die Grenze dort tatsächlich steht. Das nennt man in der Psychologie übrigens Introjektion.
Wenn einem nur oft genug erzählt wird, dass der Himmel grün ist, glaubt man das irgendwann. Und wenn mir die Menschen aus meinem Umfeld immer wieder signalisieren, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben möchten, wenn ich von meinen Problemen erzähle, dann fange ich früher oder später selbst an, zu glauben, dass es falsch ist, das zu tun. Das Schlimme daran ist im Grunde nicht einmal, dass die anderen damit nicht klarkommen, sondern dass mir dadurch jedes Mal wieder vermittelt wird, ich sei auch noch schuld daran, wenn sich die anderen dann von mir entfernen.
Am Ende ist das natürlich alles Schwachsinn. Es ist nicht falsch, von den eigenen Problemen zu erzählen, und es ist schon gar nicht die logische Konsequenz, dass z.B. eine Freundschaft dann automatisch endet. Das macht nur leider keinen Unterschied, wenn ich dann das nächste Mal einer Person von meiner Vergangenheit erzählen will, aber es vor lauter Angst nicht kann, weil ich fälschlicherweise glaube, es wäre falsch und die Freundschaft danach auf jeden Fall vorbei.
Und wahrscheinlich ist es deswegen für mich auch einfacher, etwas komplett neues auszuprobieren. Ich weiß dann zwar nicht genau, was passieren wird, aber immerhin gibt es dann auch keine schlechte Erfahrungen, die mir den Weg versperren.
Meine Komfortzone hat selbstverständlich auch natürliche Grenzen, die schon immer da waren. Ich bin gerne alleine und größere Gruppen oder sogar Menschenmassen sind auf Dauer sehr anstrengend für mich. Umso ärgerlicher ist es, wenn dann noch die Introjektionen, also die Grenzen der anderen, dazukommen. Es sind dann eben nicht mal meine Grenzen, an denen ich dann scheitere. Als wäre man in der siebten Klasse und man schreibt eine Test, für den man auch fleißig lernt, aber dann gibt einem die Lehrerin einen Test für die neunte Klasse. Natürlich scheitert man dann, obwohl man gar nichts dafür kann. Sowas ist frustrierend.
Blöderweise verschwinden diese Grenzen dann nicht mal, wenn ich weiß, dass mein Gegenüber kein Problem mit einem schwierigen Thema hat oder zumindest in der Lage ist, dann mit mir darüber zu reden. Es gibt also nichts, was die andere Person oder ich falsch machen und demnach ändern könnten. Immerhin habe ich mittlerweile ein gutes Gespür dafür, ob mein Gegenüber die richtige Person ist, bei der ich meine Komfortzone sicher verlassen kann, ohne dass etwas schlimmes passiert. Denn das ist die Voraussetzung für alle Szenarien. Ich muss mich sicher fühlen.
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